Natur allein ist eine schlechte Mutter
Hundezucht ist ein Hobby. Allerdings eines, das besonders viel Aufmerksamkeit, Wissensdurst und Verantwortung verlangt.
Die konkrete Wurfplanung beginnt bereits bei den (richtigen) räumlichen Voraussetzungen. Wie groß eine Wurfkiste sein sollte, wie ein Welpenauslauf auszustatten ist, was im Wurfzimmer alles benötigt wird: Das sollten die ersten Überlegungen angehender Züchter sein. Schon dabei gibt es die ersten Ah’s und Oh’s. Das eigene Schlafzimmer mit Teppichboden ist tatsächlich ungeeignet? Obwohl doch nur ganz kleine Hunde gezüchtet werden wollen?
Die nächste Hürde: die Läufigkeit der Hündin. Es gilt einiges zu lernen über den Ablauf der Läufigkeit, die Anzeichen der Deckwilligkeit, das Verhalten und die äußeren Merkmale der Hündin. Längst nicht alle Erstzüchter wissen, dass der Tierarzt den Hormonstatus der Hündin und damit den Deckzeitpunkt ermitteln kann – und dass auch das nicht immer stimmen muss.
Im optimalen Fall treffen Hündin und Rüde aufeinander, sind begeistert, und nach einer Stunde kann die Heimreise angetreten werden. Dieser optimale Fall ist die Ausnahme. Deckprobleme bereits im Vorfeld möglichst zu verhindern ist Aufgabe der Besitzer: durch die richtige Fütterung, genügend Bewegung und damit gute Kondition, ausreichende Zeitplanung. Wenn es trotzdem nicht klappt, sollten Züchter erkennen können, woran es liegt – und die Ursachen sind vielfältig. Für viele erstaunlich: So mancher Hund will nicht, solange der Besitzer in der Nähe ist.
Die Trächtigkeit: Wie viel und welches Futter wann? Große Enttäuschung, wenn die Hündin nur wenig Welpen wirft, obwohl sie doch so rund war – oder umgekehrt. Gibt’s tatsächlich Welpen oder ist die Hündin scheinträchtig? Schonen oder weiter Bergtouren machen? Sind die Welpen tatsächlich schon zu spüren oder hat die Hündin Blähungen? Trächtigkeit ist keine Krankheit, aber doch ein Ausnahmezustand. Und sie dauert tatsächlich nur etwa 9 Wochen…
Der große Tag X. Die Hündin schaut so seltsam – ein erstes Anzeichen für den Beginn der Geburt? Sie will dauernd raus – nein, sie hat keine Blasenentzündung, sie wird demnächst werfen. Rechtzeitig Kaffee kochen – nicht nur für den Besitzer, auch für die Hündin. Erstzüchter und erstgebärende Hündinnen sollten nicht gemeinsam ratlos sein. Der Hündin kann man vorher nicht beibringen, dass sie ihre Welpen erst aus der Fruchtblase auspacken muss. Dem Besitzer schon. Die Hündin wird nicht wissen, dass ihre blassrosa Lefzen auf sinkenden Blutdruck schließen lassen, sie wird sich einfach nur erschöpft fühlen. Kurze Spaziergänge an der Leine zwischendurch: das bringt die Wehentätigkeit in Schwung. Aber: warme Tücher für unterwegs geworfene Welpen bereithalten, die dann gut eingepackt in die Wurfkiste zurückgetragen werden. Und, und, und…
Die Welpen haben eine seltsame Haut auf den Ohren, die Hündin hat einen leichten Durchfall oder einen grünlichen Ausfluss. Keine Gründe zur Sorge – sofern man weiß, was alles ganz normal ist. Was alles nicht normal ist: die Welpen nehmen nicht oder ungleichmäßig zu, die Milchdrüsen sind steinhart, die Hündin zittert und schwankt, die Welpen sind schlapp, …
Die ersten Wochen bis zur Abgabe der Welpen an die neuen Besitzer: der Züchter legt den Grundstein für ihre körperliche Entwicklung und ihr künftiges Verhalten. Je größer das Wissen über Welpen, desto mehr und Besseres kann ihnen geboten werden. Es liegt am Züchter, sich darüber umfassend zu informieren.
Spezialkapitel: der Tierarzt. Wann und wofür wird er benötigt? Feststellen des Deckzeitpunktes und eventuell später der Trächtigkeit, entwurmen von Hündin und Welpen, impfen, Krisenintervention, ... Bei welchen Symptomen kann man auf homöopathische und Hausmittel zurückgreifen? Fragen, Fragen, Fragen … und eine Vielzahl von Antworten.
Zu guter letzt: die Bürokratie. Formulare müssen ausgefüllt werden. Die Wurfentwicklung muss dokumentiert werden. Deck- und Kaufverträge werden abgeschlossen. Der Zuchtwart kommt zur Wurfabnahme, kontrolliert die Chips.
Hundezucht ist kein Hobby, das man einfach mal ausprobieren kann. Es ist ein Hobby, das viel Vorbereitung braucht, wenn man nicht Gesundheit oder gar Leben von Hunden riskieren will. Aber die Wölfe machen das doch auch alles seit ewigen Zeiten alleine? Ja, richtig. Aber kaum eine Wölfin hat den Ehrgeiz, ihren gesamten Wurf auch groß zu ziehen. Und Mutter Natur lässt viele ihrer Kinder sterben.