Sie sind hier: Startseite Tibetreisen Tibets blinde Schulkinder

Tibets blinde Schulkinder

von bprimigZuletzt verändert: 01.09.2006 13:27

Mitten in der tibetischen Altstadt von Lhasa steht seit 1998 eine Schule für blinde Kinder. Sie ist die erste und einzige in ganz Tibet, gegründet von einer deutschen Studentin. Ausbildung auf höchstem Niveau wird angeboten. Die Schule verändert damit das Ansehen und den Status von blinden Menschen im ganzen Land.

Die Rate an blinden Menschen ist in Tibet auffallend hoch. Zurück zu führen ist das auf eine Vielzahl von Faktoren: Wind und Staub im Hochland verbunden mit einer hohen UV-Strahlung, der Qualm verbrannten Yak-Dungs in Häusern und Nomadenzelten, Vitamin-A-Mangel und fehlende medizinische Grundversorgung weiter Teile der Bevölkerung.

Wer in Tibet erblindet, wird zwar von der Familie betreut, aber fast immer zu Bewegungslosigkeit verdammt. Im felsigen Hochgebirge oder auf den von Erdhörnchen durchlöcherten Almen ist jeder Schritt gefährlich. Der Blindenstock als Hilfsmittel ist in weiten Regionen unbekannt. Dazu kommt, dass Blindheit oft als Ergebnis von Ereignissen oder Handlungen in einem vorangegangenen Leben wahrgenommen wird und daher schlicht „Schicksal“ ist.

Die blinde deutsche Studentin

Für ihre Studien der Tibetologie benötigte Sabriye Tenberken eine Übersetzung tibetischer Schriften in Braille. In Europa und Amerika wurde sie nicht fündig und machte sich daher auf den Weg nach Tibet. Auch dort war Braille völlig unbekannt. Sie entwickelte kurzerhand selbst eine tibetische Braille-Schrift und gründete gemeinsam mit Paul Kronenberg die Schule mit Internat in Lhasa unter dem Projektnamen „Braille without Borders“. Die Anfangsschwierigkeiten waren enorm. Einerseits stand die chinesische Bürokratie im Weg, andererseits wurde der Bedarf zunächst von den Tibetern nicht erkannt. Die ersten Kinder stammten von Familien, die in weit abgelegenen Hochtälern lebten und froh über die Entlastung waren. Versprochen haben sie sich davon allerdings nichts.

Die ersten Versuche von Mobilitätstraining in Lhasa waren äußerst schwierig. Eine Gruppe von Kindern, die mit Stöcken durch die engen Gassen stolpert: Das müssen Verrückte sein. Mittlerweile haben sich die Bewohner der Stadt daran gewöhnt und klären PilgerInnen auf, die sich darüber wundern.

Heute hat die Schule einen hervorragenden Ruf in Tibet. 45 Kinder stehen derzeit in Ausbildung, die jüngsten erst zwei Jahre alt, die ältesten etwa 17. Es könnten doppelt und dreifach so viele Kinder aufgenommen werden, aber bereits jetzt müssen sich jeweils zwei Kinder ein Bett teilen. Geld für eine Erweiterung ist nicht vorhanden, die Spenden aus der ganzen Welt werden für den Ausbau der Infrastruktur und die Herstellung von Lehrmaterial benötigt.

Ausbildung auf höchstem Niveau

Jedes Kind, das diese Schule abschließt, beherrscht perfekt drei Sprachen: Tibetisch, Chinesisch und Englisch in Wort und Schrift. Der Umgang mit dem Computer gehört zur Standardausbildung. In den letzten Schuljahren können die Jugendlichen zwischen mehreren Berufsausbildungen wählen: tibetische und/oder chinesische Massage, Musik, landwirtschaftliche Berufe wie Käserei, Handarbeiten wie Teppichknüpferei oder Stickerei, bis hin zur Sekretariat oder Rezeption.

Die AbgängerInnen sind vor allem für den Tourismus sehr interessant. Es gibt kaum TibeterInnen, die so hervorragende Sprachkenntnisse aufweisen können und dann noch problemlos am Computer arbeiten. Viele Hotels fordern die MasseurInnen für ihre Gäste an.

Unterrichtet werden die Kinder von sechs eigenen Lehrkräften, davon sind drei selbst bereits AbgängerInnen der Schule. Seit einem Jahr läuft ein Integrationsprojekt. Einige Kinder besuchen bereits reguläre Volksschulen. Auch das ist anfangs auf enorme Skepsis gestoßen. Die Ausstattung der Kinder mit Laptops, ihre große Mobilität und die Lernassistenz haben aber dazu geführt, dass die Schulen stolz auf ihre blinden Kinder und deren enorme Leistungen sind.

Für die Kinder ändert sich auch das Leben im ursprünglichen Umfeld enorm. Sie sind plötzlich nicht mehr die bewegungslosen Idioten, sondern wertvolle Unterstützung für die Familien und Dörfer. Sie sind oft die einzigen, die chinesisch sprechen und damit mit den Behörden umgehen können. Sie sind in der Lage, mit Touristen zu plaudern. Sie haben nach der Schule wesentlich höhere Verdienstmöglichkeiten als Geschwister oder Nachbarkinder und bringen dringend benötigtes Geld nach Hause.

Hilfe ist erwünscht

Das Projekt wächst ständig. In Shigatse ist eine Trainingsfarm entstanden. Eine eigene Klinik für medizinische Massage wird mittlerweile ausschließlich von AbgängerInnen der Schule geleitet. In Kerala läuft das Genehmigungsverfahren für ein „Internationales Zentrum für Entwicklung und Projektplanung“.

„Braille without Borders“ finanziert sich in erster Linie aus Spendengeldern und aus den Einnahmen der Bücher über das Projekt von Sabriye Tenberken.
Helfen ist übrigens auch mit ein paar Euro Spende ganz einfach. 
Mehr Informationen: Braille without Borders