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Tibet: mehr als eine Reise wert

von bprimigZuletzt verändert: 16.12.2005 11:19

Im Oktober wurde unsere Traumreise Wirklichkeit: Tibet! Die Menschen, die Landschaft, die Kultur: „beeindruckend“ ist ein viel zu schwacher Ausdruck.

Dunkelrot, leuchtend orange und sonnengelb strahlte die Halle im Schein hunderter Butterlampen, dominiert von einer riesigen Buddha-Statue. An den Säulen unzählige Thankas, an den Wänden reiht sich Gottheit an Gottheit. Mönche rezitieren gemeinsam ihre Gebete, andere arbeiten an einem Sandmandala, untermalt von Glocken, Trommeln. Eine Szene, die nicht für Touristen arrangiert wurde, sondern ein Zufallserlebnis auf unserem Bummel durch Lhasa.

Die geteilte Stadt

Die Hauptstadt wirkt zweigeteilt. Der Kern rund um den Jokhang Tempel ist tibetisch, ein riesiger Marktplatz in kleinen verzweigten Gassen. Pilger aus allen Landesteilen in wunderschönen Trachten, die Bettler sind so lästig wie die Frauen, die falschen Schmuck verkaufen.

Die bunten Fahnen über den Straßen der Außenbezirke sind chinesische Wimpel. Das Telefonbuch, die Zeitungen: chinesisch. Das Personal in der Bank, bei der Post, im Supermarkt: chinesisch, mit Antrittsappell allmorgendlich. In den Klöstern und im Potala werden Spenden gesammelt, die jeden Abend an die Chinesen abgeliefert und zum Wiederaufbau verwendet werden. Der Potala selbst ist zur Baustelle eines toten Museums verkommen, durch das chinesische Reisegruppen in der falschen Gehrichtung geschleust werden.

Außerhalb der Städte ist China längst nicht so sichtbar. Das Kloster Samye erreicht man nur, wenn man mit einem Floß den Yarlung überquert - ein Fluss mit unzähligen Sandbänken, der sich über die gesamte Talbreite ausdehnt. Auf der eineinhalbstündigen Fahrt sind wir umgeben von Pilgern. Es wird gelacht, herumgealbert, hin und wieder heiliges Wasser auf das schwarze, kunstvoll zusammengebundene und mit Türkisen geschmückte Haar geschöpft.

Ernte wie anno dazumal

Die Menschen sind freundlich und fröhlich trotz härtester Lebensbedingungen. Das Gebiet zwischen Gyantse und Shigatse ist die Kornkammer des Landes. Schwarze Yaks mit bunten Strähnen an den Ohren sind vor die Pflüge gespannt. Das Getreide wird von Pferden gedroschen und von den Frauen gesiebt. Immer wird gesungen, geblödelt. Viele Kinder arbeiten mit, die Schule ist ohnehin nur für ein Kind pro Familie leistbar.

Wir Europäer mit unseren Zuckerl, Luftballons und Digitalkameras sind eine willkommene Abwechslung. In einem Kloster werden wir endgültig selbst zur Attraktion, als ein Pilger seine Kinder zu uns stellt und uns alle fotografiert.

Noch härter ist das Leben auf der Hochebene. Der ockerbraune Staub dringt überall ein, verklebt die Augen, macht die Haut rissig. Die bunten Gebetsfahnen auf den Pässen flattern waagrecht im eisigen Wind. Riesige dunkle Yak-, Schaf– und Ziegenherden scheinen selbst auf 5000 Meter Höhe noch genügend Futter zu finden.

Wir alle müssen Liter um Liter trinken. Bald tun wir es freiwillig, der Durst wird zum ständigen Begleiter. Einigen unserer Gruppe macht die Höhe zu schaffen: Kopfschmerzen, Schlafmangel, Atemprobleme. Mir geht zwar die Luft nicht aus, aber ein Sonnenstich zwingt mich zu einer Pause. Höhenkrank kennen die Tibeter von den Touristen. Aber „sick from sun“ macht sie ratlos.

Nichts ist auch genug

Komfort gibt es längst nicht mehr. Es ist so kalt, dass sogar die Kellnerin im „Hotel“ das Frühstück im dunkelroten Anorak über der tibetisch-gestreiften Schürze der verheirateten Frau serviert. Niemanden stört es mehr, dass schwarze Hände Brotfladen und Kartoffeln servieren, obwohl sie Sekunden vorher noch Yakmist gesammelt haben. Die Duftmischung von Butterlampen, Wacholderfeuer und Yaks haftet an unserer Kleidung, unseren Haaren, unserer Haut. Hygiene, Heizung, fließendes Wasser, Toiletten im „Western Style“: Banalitäten, die hier ihre Bedeutung völlig verlieren. 

Immer wieder durchqueren wir tibetische Dörfer. Flache, weiß getünchte Häuser mit schwarzem oberen Rand, schlicht, mit Ausnahme der besonders liebevolle verzierten und bunten Eingangstüren. Mauern aus Lehmziegel oder Steinen grenzen Vorgärten ein, dunkle runde Yakfladen sind ordentlich aufgereiht zum Trocken angeklebt.

Kein Pass ist wie der vorhergegangene. Die Farbe der Berge wechselt von ockerbraun über rötlich schimmernd bis zum Eisblau des Himalaya-Massivs. Ihre Form wirkt wie überquellender Teig, an den Rändern eingetrocknet rissig. Der heilige See „Yamdok Yutsho“ scheint die Berge auseinander zu sprengen, sein dunkles Türkis leuchtet strahlender als der wolkenlose blaue Himmel.

Die Pisten führen steile Schluchten ebenso entlang wie durch breite Täler. Unsere Fahrer verzichten gerne auf die Serpentinen und kürzen quer durch das Gelände ab, Reifen mit wenig Luft rumpeln über scharfe Felskanten und durch Furten. Für eine Tagesetappe von knapp 300 km benötigen wir elf Stunden.

Tiefe Frömmigkeit

Immer wieder machen wir Abstecher zu Klöstern, Chörten und anderen heiligen Orten. Die Namen der Buddhas sind zu viele, um sich mehr als einen Bruchteil zu merken. Die Lamas und Dalai Lamas, die Taras und Boddhisattvas, Sambhava mit all seinen Erscheinungsformen: Die Vielfalt, Dichte und Farbenpracht überfordert uns ebenso wie uns die tiefe Gläubigkeit der Menschen bewegt. Uralte Pilger, die kaum mehr alleine stehen können, umrunden die heiligen Stätten in Niederwerfungen. Getreidekörner, Wasserschalen, aber auch Haarspangen und Kugelschreiber werden als Opfergaben zurückgelassen.

Wann geht der nächste Flug?

Die Ausreise von Tibet nach Nepal ist uns schwer gefallen. Die Grenze in Trongmu liegt schon nur noch auf 2400 Meter Höhe, rundherum üppige Vegetation, schon gar nicht mehr wirklich Tibet.

Drei Tage Nepal im Anschluss waren schön. Aber drei Tage länger in Tibet wären uns lieber gewesen. Dieses Land hätte noch so viel zu bieten ...

(Birgit Primig. Erstabdruck: ÖTH-Nachrichten November 2004)