Kein Apso in Lhasa
Spätestens am zweiten Tag unserer Reise durch Tibet war den anderen
Teilnehmern unserer Gruppe klar: Wir beide sind zwar ganz nett, aber
verrückt mit unserem offenkundigen Interesse an Hunden. Aber ab
dem 4. Tag wurden wir sofort aufmerksam gemacht, wenn nur irgendwo ein
hundeähnliches Wesen gesichtet wurde. Und Hunde gibt es genug in
Tibet.
In den Klöstern soll es vor einigen Jahren noch Apsos gegeben haben.
Mittlerweile haben die Mönche in den Versammlungshallen der Ratten
wegen Katzen am Schoß, aber keine Hunde. In den Klosterhöfen tummeln
sich mittelgroße kurzhaarige Mischlinge, die ein wenig Do-Khyi-Blut in
sich tragen dürften.
Schöne Shar Khyi und tolle Do Khyi
In der Anlage rund um den Kumbum in Gyantse lebt ein großes Rudel
Hunde vom Typ Shar Khyi. Besonders zwei schwarzweiße Rüden sind durch
den eleganten Körperbau und den harmonischen Bewegungsablauf
aufgefallen. Alle Hunde in dieser Anlage waren den Menschen gegenüber
distanziert, aber absolut nicht aggressiv. Sie werden von den Mönchen
gefüttert und gehören zum Kloster, aber nicht zu einer bestimmten
Person.
Den ersten echten Do Khyi haben wir bereits in Lhasa gesehen: aus
unserem Hotelfenster haben wir im Nachbarhof einen beeindruckenden
Rüden an einer Kette entdeckt. Am nächsten Tag ein schöner kräftiger
Rüde an der Kette im Sommerpalast des Dalai Lama. Ein Rüde, der so
begeistert war von unserem Trockenfutter, dass er seine Wachfunktion
total vergessen hatte und das Futter begeistert von meiner Hand
nahm.
Im Hochland sind wir dann immer wieder Do Khyis begegnet. Natürlich
nicht so substanzvoll wie in Europa, sie kommen mit sehr wenig Futter
aus, nicht gepflegt, aber sehr typisch im Ausdruck. Schöne kräftige
Köpfe, sehr gute Bewegung, nicht zu starke Knochen und furchtloses,
temperamentvolles und uns Fremden gegenüber ignorantes Verhalten.
Auffallend war für mich, dass die Rute dieser Hunde im Stand bei
Aufmerksamkeit über den Rücken gerollt wird, aber in der Bewegung und
Entspannung nur das letzte Drittel gerollt ist, ansonsten wird die Rute
frei schwebend getragen. Viele dieser Hunde tragen ein Halsband mit
Glocken und rot gefärbtem Yakhaar.
Sie werden ausschließlich als Wachhunde in den Dörfern und bei den
Zelten gehalten. Die Schafe, Ziegen oder Yaks werden nicht von den
Hunden getrieben oder bewacht.
Sehr typvoll: Tibet Spaniel
In der Stadt Lhasa trifft man auf viel Tibet Spaniel oder Hunde
ähnlich den Spaniels und den Pekingesen. Sie werden an der Leine
geführt, sitzen mit ihren Besitzern in den Geschäften oder
Marktständen. Sie sind teilweise gut gepflegt, auch sehr gut ernährt,
freundlich und aufmerksam und insgesamt von recht guter Qualität.
Aber dass ich versucht habe zu spielen, diese kleinen Hunde
unbedingt streicheln und füttern musste und meine Tochter auch
fotografierte: das hat viel Gelächter bei den Tibetern ausgelöst.
Tibet Terrier ist uns nur ein einziger begegnet, auch an der Kette
im Sommerpalast. Leider konnte ich ihn nicht dazu bringen aufzustehen
und daher ist meine Beschreibung eher dürftig: ein Kopf wie ein Tibet
Terrier.
Das Gebell von Apsos haben wir immer wieder gehört, aber in Tibet
nie einen gesehen. Sie werden in den Häusern und Innenhöfen gehalten,
sind reine Haushunde und verlassen nie das Grundstück.
Erst in Nepal: Lhasa Apsos
Umso toller dann ein Zufallsfund in Kathmandu. In einem tibetischen
Flüchtlingslager haben wir eine Teppichknüpferei besucht. Meine
Bemerkung "darauf werden unsere Apsos toll aussehen" hat die
Verkäuferin aufhorchen lassen. Sie habe selbst sechs Apsos zuhause. Wir
durften die Hunde besuchen - und waren begeistert.
Alle sechs relativ groß, aber typvolle ausdrucksstarke Hunde. Alle
weiß, temperamentvoll, freundlich. Mein Futter war auch hier heiß
begehrt. Ein Rüde hat sofort begriffen, wo das Futter im Rucksack liegt
und hat mit Selbstbedienung sicher mehr erhalten als der Rest der
Hundefamilie. Auf meine Frage, wann es wieder Welpen geben wird, meinte
die Besitzerin: wenn es den Lhasa-Damen recht ist. Den Zeitpunkt
bestimmen die Hunde.
Meine Bemerkung, in Europa bevorzugen wir Hunde mit dunklen Augen
und schwarzer Nase hat wieder dieses schöne herzliche Lachen der
Tibeter ausgelöst. Gerade die hellen Augen bringen besonders viel
Glück.
Unsere Reise nach Tibet hat uns nicht nur beeindruckt durch die
Menschen, die Landschaft und die Kultur. Sie hat uns auch im Wissen
bestärkt: Es gibt sie noch, die tollen Hunde Tibets in ihrem
Ursprungsland.
(Uschi Eisner. Erstabdruck: ÖTH-Nachrichten, November 2004)