Im Land der Nomaden
Wie rasant sich Zentraltibet verändert, wie schnell sich China hier ausbreitet: Das mussten wir im Vergleich zu unserer letzten Reise feststellen. Umso faszinierender sind die Nomadengebiete im Osten des Landes, in denen Tibet noch sehr ursprünglich ist.
Was in Europa „Zivilisation“ genannt wird, gibt es in Osttibet nicht. Keine bequemen Hotels, sondern Erdhörnchen-Löcher unter dem Zelt. Fließendes Wasser: Bäche und Flüsse gibt es genug. Die tibetischen Fahrer unserer Jeeps fühlen sich im Gelände viel wohler als auf den wenigen asphaltierten Strecken. Wer auf Komfort verzichten kann, lernt ein großartiges Land kennen.
Die Landschaft selbst ist überwältigend und ändert sich immer wieder radikal. Enge und tiefe Schluchten, weite Hochalmen mit Edelweiß-Wiesen, schroffes Felsgebirge. Schauen allein ist hier schon Beschäftigung für Tage. Später in Zentraltibet auch noch Sanddünen. All das hat ein Ausmaß, neben dem Österreich wie Minimundus wirkt.
Die Vegetation in den Tälern um 3000 m Höhe ist üppig. Wassermelonen werden in den Dörfern am Straßenrand angeboten, die Gerste hängt zum Trocknen auf eigenen Gestellen oder einfach in den Bäumen. Wovon sich die Yaks, Ziegen und Schafe auf Höhe der Pässe ernähren – manchmal mehr als 5000 m -, bleibt uns ein Rätsel. Erdhörnchen und Murmeltiere gibt es unzählige, jede Wiese ist eine einzige Stolperfalle. Der Hirsch am Pass weicht uns nicht aus, er hat längst gelernt, dass ihm in einem buddhistischen Land von Menschen keine Gefahr droht.
Das Land ist kaum besiedelt. Und trotzdem: wir nehmen uns Zeit für ein Picknick, und aus dem endlosen Nichts tauchen plötzlich Menschen auf. Sie bringen Buttertee, Tsampa, getrocknetes Yakfleisch. Zeltaufbau in der Nähe eines Nomadenzeltes: etliche junge Burschen lassen es sich nicht nehmen, zu helfen. Am nächsten Morgen werden wir ins Zelt eingeladen. Zwischen gestapelten Yakfladen, dem Ofen, getrocknetem Yakkäse, dem Butterfass und der Tsampa-Mühle ist kaum Platz für so viele Menschen. Wir alle bekommen ein Glas Yoghurt, das hervorragend schmeckt.
Was sind schon Pläne ...
Auf unserem Plan stand ursprünglich der Besuch eines Reiterfestes. Aber Pläne einzuhalten ist schwierig. Irgendwann haben wir uns damit abgefunden, als Tagesziel nachträglich jenen Ort zu wählen, den wir am Abend erreichen. Zum Reiterfest kommen wir nur wenige Stunden zu spät. Reifenpannen, kaputte Benzinleitungen, ein gebrochener Stoßdämpfer, der Ausfall des Allradantriebs mitten auf einer sumpfigen Wiese und Pisten, die halb weggeschwemmt oder von Verkehrsunfällen blockiert sind: Das alles hält auf. Unsere Fahrer erweisen sich als Improvisationskünstler. Mit einer Rolle Draht, einem Schraubenzieher und einem Wagenheber ist jede Reparatur möglich. Wir werden selbst zum Straßenbautrupp und versuchen, eine Schlammwiese mit vielen Steinen befahrbar zu machen. Nach zwei Stunden kann die Reise weiter gehen.
Die Highlights der Reise werden vom Zufall bestimmt. Auffallend viele PilgerInnen am Weg zu einer kleinen Stadt: Wir natürlich hinterher. Es stellt sich heraus, dass in einem Kloster eine besonders wichtige Zeremonie gefeiert wird. Unzählige bunte Festzelte auf einer Wiese: ein Fest in Vorbereitung. Wir werden mit Buttertee und Keksen bewirtet. Etliche Plastikflaschen „Aodeli super“ werden serviert: der chinesische Nachbau von Red Bull. Das Wort „Aodeli“ heißt „Österreicher“. Erwachsene und Kinder haben den größten Spaß bei einer Schlacht mit unseren Luftballons im großen Festzelt. Die Kinder sind mit einfachen Klatschspielen ganz leicht zu unterhalten. Die Männer gehen ihre Pferde satteln und ihre Trachten auspacken, um uns ein paar Fotos zu ermöglichen.
Die Neugier ist gegenseitig. Unser selbst gekochter Gemüseeintopf und die Kärntner Hartwürste werden verkostet und als ungenießbar eingestuft. Unsere Digitalkameras sind für viele eine absolute Neuheit, kaum jemand hat zuvor ein Foto von sich selbst gesehen. Eine Einkaufsfahrt mit dem Motorrad in das nächste Dorf wird zum Erlebnis. Das gesamte Dorf begleitet mich, berät mich, bietet mir immer noch schöneres Gemüse an. Nie reagiert jemand unfreundlich oder gar aufdringlich, eher belustigt über die seltsamen Sitten von uns Langnasen.
China ist überall
Immer wieder holt uns China ein. Neue Straßendörfer, von den Chinesen in einem pseudo-tibetischen Stil erbaut, die Dächer in schrecklichen Knallfarben. In den größeren Städten werden die Straßen von grauenhaften kitschigen Lampen erleuchtet. Tibetische Kinder verwenden selbstverständlich chinesische Ausdrücke. „Nangma“ ist die Bezeichnung für eine Mischung aus Kulturverein und Diskothek. Traditionelle Tänze und Gesänge werden bis etwa 1 Uhr morgens aufgeführt, im Anschluss tanzt das Publikum. Was als tibetisch verkauft wird, ist längst eine undefinierbare Mischung aus tibetischen und chinesischen Elementen.
Besonders erschreckend ist die Veränderung in Lhasa und Umgebung und auf der Strecke von Lhasa nach Kathmandu. Lhasa selbst wächst in rasendem Tempo und wird zu einer völlig gesichtslosen chinesischen Millionenstadt. Der neue Zug von Peking spuckt täglich mehrere Tausend Chinesen in Lhasa aus. Der Tourismus in dieser Region explodiert, in China gilt es als schick, Tibet zu bereisen. Im Kloster Drepung wird das Gemurmel der tibetischen PilgerInnen längst von rempelnden ChinesInnen übertönt, die sich permanent gegenseitig fotografieren und dabei völlig respektlos mit der tibetischen Kultur umgehen. Die Pässe werden zum Jahrmarkt, ChinesInnen setzen sich gegen Geld auf Yaks, lassen sich gegen Geld neben Do Khyis fotografieren, kaufen um viel Geld pseudo-tibetischen Ramsch. Kinder betteln aufdringlich „money, money“, Händler – „cheap, cheap“ - sind kaum abzuschütteln.
Wer Tibet noch als
Tibet erleben will, muss sich beeilen, muss die klassischen
Touristenrouten meiden. Noch ist es Tibet wert, erlebt zu werden.
(Birgit Primig)