Reisen

Unsere erste Reise nach Tibet im Oktober 2004, unsere zweite im Juli und August 2006.


Unser Traum, Tibet einmal selbst zu erleben, wurde im Oktober 2004 erstmals Wirklichkeit. Unsere Reise führte von Lhasa mit Jeeps über die "friendship-route" zur nepalesischen Grenze und Kathmandu.

Zwei Jahre darauf bereisten wir den Osten Tibets, eine Rundreise mit 3377 km. Im Anschluss fuhren wir ein zweites Mal am Landweg zurück nach Kathmandu.

Die Fülle der Eindrücke und Erlebnisse war enorm. Wir hoffen, mit ein paar Bildern und Reiseberichten einen Endruck der großartigen Landschaft, der beeindruckenden Bauwerke, der fröhlichen Menschen und natürlich der tibetischen Hunde zu geben.

Das Kopfbild unserer Website stammt von unserer ersten Reise. Es zeigt "die Goldenen Dächer Lhasas" des Jokhang: das heiligste Kloster der Tibeter. Eine Pilgerreise hier her sollte jede Tibeterin und jeder Tibeter wenigstens einmal in seinem Leben machen.


Uschi war zwei weitere Male in Tibet und einmal in Nepal, Birgit hat Dharamsala in Nord-Indien besucht.

Die Eindrücke der Reisen hat Birgit auch in ihren Büchern über Tibet Spaniel und Do Khyi verarbeitet.

Losar la Tashi Deleg!

4. März 2014: Birgit feiert in Dharamsala das tibetische Neujahrsfest.

Aus mindestens drei überforderten Lautsprechern quetscht sich Musik aus ebenso vielen Kulturen. Kreuz und quer und ohne erkennbare Vorrangregeln hupen Motorräder, Rikschas, Autos und Transporter. Mittendrin steht eine Kuh. Sieben Straßen treffen hier zusammen. Zum Verkehrsknoten wird der Platz erst, wenn sich der Polizist laut pfeifend einmischt. Wir stehen am Hauptplatz vom McLeod Ganj, dem tibetischen Teil von Dharamshala in Nordindien.

Drei alte Inder sitzen vor der Filiale von Western Union auf der Eingangsstufe. Zwei kahl rasierte Nonnen in Orange feilschen um Gemüse, das am Straßenrand drapiert ist. Eine indische Bettlerin mit Kind im Arm sucht nach ihrem nächsten Opfer. Ein Straßenhund verteidigt sein Revier gegen einen Konkurrenten. Amselgroße bunte Vögel zwitschern. Hoch über dem Platz ziehen Greifvögel ihre Kreise.

Hier, auf mehr als 1800 m Seehöhe, hat der Dalai Lama seinen Wohnsitz. Er ist allgegenwärtig: als geschmücktes Bild in jedem Lokal, als wichtigste Postkarte, vor allem aber in den Köpfen aller Menschen, gleich welcher Herkunft.

Heute ist es ruhig. Alle tibetischen Shops, Restaurants und Marktstände haben geschlossen. Losar wird gefeiert, das tibetische Neujahrsfest. Wir müssen in ein indisches Lokal frühstücken gehen. Es dürfte der umsatzstärkste Tag im Jahr sein. Trotzdem herrscht absolute Gelassenheit, Hektik und Stress sind in Dharamshala unbekannt.

Ich könnte lange am Balkon stehen und die Familien bewundern, die in ihren traditionellen Gewändern unterwegs sind. Es ist eine zwiespältige Freude. Die Kleider zeigen deutlich, dass sie aus ganz unterschiedlichen Teilen Tibets flüchten mussten.

Mittags haben wir eine Verabredung. Wir sind zu einem Losar-Essen bei einer Familie eingeladen. Nyima, ein junges Mädchen, holt uns ab. Unsere Neugier ist groß: Was verbirgt sich hinter den vielen, eng neben einander liegenden Türen?

Tibetischer Überschwang zur Begrüßung. Die dichten schwarzen Haare der Gastgeberin, mit roten Bändern zu dicken Zöpfen geflochten: wunderschön! Meine roten Locken: traumhaft! Es ist uns allen eine überaus große Ehre.

Wir werden ins Wohnschlafzimmer geführt. Ein Heizstrahler versucht, sich gegen die Kälte durchzusetzen. Extra für uns wurde der Fernseher aufgedreht – Mister Bean, ziemlich unscharf. Dahinter steht der Hausaltar. Wir werfen Gerstenkörner in die Luft und kosten Tsampa, den traditionellen Brei aus gemahlener und gerösteter Gerste. Neujahrswünsche werden ausgesprochen, ein besonders langes, glückliches und gesundes Leben möge uns allen beschieden sein.

Ich darf der Köchin über die Schulter schauen. Dem Anlass entsprechend gibt es etwas Besonderes: Schweinefleischschwarte, im Wok kurz angebraten wahlweise mit Knoblauchkraut und Mangold oder Paprikastreifen. Dazu wird salziger Buttertee gereicht, der hervorragend passt und schmeckt.

Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Familienmitglieder, Nachbarn, Freunde bestaunen uns exotische Gäste. Immer wieder der Neujahrsglückwunsch „Losar la Tashi Deleg!“.

Vor uns türmen sich noch immer Berge auf den Tellern. Ich habe vergessen mich vorher zu erkundigen, ob wir aus Höflichkeit alles aufessen müssen. Das hochkonzentrierte Fett liegt schwer im Magen. Nyima erlöst uns: „You can stop, if you have no more stomach.“ Danke!

Ich deute vorsichtig an, dass wir aufbrechen wollen. Das scheint in Ordnung zu sein, aber ich darf nicht ohne ein Geschenk gehen. Gastgeberin Kunsang überreicht mir eine wunderschöne Chupa, das tibetische Wickelkleid mit Bluse und Schürze. Ich weiß, dass ich nicht ablehnen darf. Ich weiß auch, dass es für die Familie ein Vermögen gekostet haben muss. Ich werde mich revanchieren, irgendwie.

 

Morgen ist bereits das tibetische Holz-Pferd-Jahr 2141: ein Jahr des Wechsels und des Pioniergeists, in dem neue Ideen leichter umgesetzt und Vieles begonnen werden kann, aber Manches nicht vollendet wird. Möge es auch für Kunsang, Nyima und alle anderen tibetischen Menschen ein gutes Jahr werden!

Tibet: mehr als eine Reise wert

Im Oktober wurde unsere Traumreise Wirklichkeit: Tibet! Die Menschen, die Landschaft, die Kultur: „beeindruckend“ ist ein viel zu schwacher Ausdruck.

Dunkelrot, leuchtend orange und sonnengelb strahlte die Halle im Schein hunderter Butterlampen, dominiert von einer riesigen Buddha-Statue. An den Säulen unzählige Thankas, an den Wänden reiht sich Gottheit an Gottheit. Mönche rezitieren gemeinsam ihre Gebete, andere arbeiten an einem Sandmandala, untermalt von Glocken, Trommeln. Eine Szene, die nicht für Touristen arrangiert wurde, sondern ein Zufallserlebnis auf unserem Bummel durch Lhasa.

Die geteilte Stadt

Die Hauptstadt wirkt zweigeteilt. Der Kern rund um den Jokhang Tempel ist tibetisch, ein riesiger Marktplatz in kleinen verzweigten Gassen. Pilger aus allen Landesteilen in wunderschönen Trachten, die Bettler sind so lästig wie die Frauen, die falschen Schmuck verkaufen.

Die bunten Fahnen über den Straßen der Außenbezirke sind chinesische Wimpel. Das Telefonbuch, die Zeitungen: chinesisch. Das Personal in der Bank, bei der Post, im Supermarkt: chinesisch, mit Antrittsappell allmorgendlich. In den Klöstern und im Potala werden Spenden gesammelt, die jeden Abend an die Chinesen abgeliefert und zum Wiederaufbau verwendet werden. Der Potala selbst ist zur Baustelle eines toten Museums verkommen, durch das chinesische Reisegruppen in der falschen Gehrichtung geschleust werden.

Außerhalb der Städte ist China längst nicht so sichtbar. Das Kloster Samye erreicht man nur, wenn man mit einem Floß den Yarlung überquert - ein Fluss mit unzähligen Sandbänken, der sich über die gesamte Talbreite ausdehnt. Auf der eineinhalbstündigen Fahrt sind wir umgeben von Pilgern. Es wird gelacht, herumgealbert, hin und wieder heiliges Wasser auf das schwarze, kunstvoll zusammengebundene und mit Türkisen geschmückte Haar geschöpft.

Ernte wie anno dazumal

Die Menschen sind freundlich und fröhlich trotz härtester Lebensbedingungen. Das Gebiet zwischen Gyantse und Shigatse ist die Kornkammer des Landes. Schwarze Yaks mit bunten Strähnen an den Ohren sind vor die Pflüge gespannt. Das Getreide wird von Pferden gedroschen und von den Frauen gesiebt. Immer wird gesungen, geblödelt. Viele Kinder arbeiten mit, die Schule ist ohnehin nur für ein Kind pro Familie leistbar.

Wir Europäer mit unseren Zuckerl, Luftballons und Digitalkameras sind eine willkommene Abwechslung. In einem Kloster werden wir endgültig selbst zur Attraktion, als ein Pilger seine Kinder zu uns stellt und uns alle fotografiert.

Noch härter ist das Leben auf der Hochebene. Der ockerbraune Staub dringt überall ein, verklebt die Augen, macht die Haut rissig. Die bunten Gebetsfahnen auf den Pässen flattern waagrecht im eisigen Wind. Riesige dunkle Yak-, Schaf– und Ziegenherden scheinen selbst auf 5000 Meter Höhe noch genügend Futter zu finden.

Wir alle müssen Liter um Liter trinken. Bald tun wir es freiwillig, der Durst wird zum ständigen Begleiter. Einigen unserer Gruppe macht die Höhe zu schaffen: Kopfschmerzen, Schlafmangel, Atemprobleme. Mir geht zwar die Luft nicht aus, aber ein Sonnenstich zwingt mich zu einer Pause. Höhenkrank kennen die Tibeter von den Touristen. Aber „sick from sun“ macht sie ratlos.

Nichts ist auch genug

Komfort gibt es längst nicht mehr. Es ist so kalt, dass sogar die Kellnerin im „Hotel“ das Frühstück im dunkelroten Anorak über der tibetisch-gestreiften Schürze der verheirateten Frau serviert. Niemanden stört es mehr, dass schwarze Hände Brotfladen und Kartoffeln servieren, obwohl sie Sekunden vorher noch Yakmist gesammelt haben. Die Duftmischung von Butterlampen, Wacholderfeuer und Yaks haftet an unserer Kleidung, unseren Haaren, unserer Haut. Hygiene, Heizung, fließendes Wasser, Toiletten im „Western Style“: Banalitäten, die hier ihre Bedeutung völlig verlieren. 

Immer wieder durchqueren wir tibetische Dörfer. Flache, weiß getünchte Häuser mit schwarzem oberen Rand, schlicht, mit Ausnahme der besonders liebevolle verzierten und bunten Eingangstüren. Mauern aus Lehmziegel oder Steinen grenzen Vorgärten ein, dunkle runde Yakfladen sind ordentlich aufgereiht zum Trocken angeklebt.

Kein Pass ist wie der vorhergegangene. Die Farbe der Berge wechselt von ockerbraun über rötlich schimmernd bis zum Eisblau des Himalaya-Massivs. Ihre Form wirkt wie überquellender Teig, an den Rändern eingetrocknet rissig. Der heilige See „Yamdok Yutsho“ scheint die Berge auseinander zu sprengen, sein dunkles Türkis leuchtet strahlender als der wolkenlose blaue Himmel.

Die Pisten führen steile Schluchten ebenso entlang wie durch breite Täler. Unsere Fahrer verzichten gerne auf die Serpentinen und kürzen quer durch das Gelände ab, Reifen mit wenig Luft rumpeln über scharfe Felskanten und durch Furten. Für eine Tagesetappe von knapp 300 km benötigen wir elf Stunden.

Tiefe Frömmigkeit

Immer wieder machen wir Abstecher zu Klöstern, Chörten und anderen heiligen Orten. Die Namen der Buddhas sind zu viele, um sich mehr als einen Bruchteil zu merken. Die Lamas und Dalai Lamas, die Taras und Boddhisattvas, Sambhava mit all seinen Erscheinungsformen: Die Vielfalt, Dichte und Farbenpracht überfordert uns ebenso wie uns die tiefe Gläubigkeit der Menschen bewegt. Uralte Pilger, die kaum mehr alleine stehen können, umrunden die heiligen Stätten in Niederwerfungen. Getreidekörner, Wasserschalen, aber auch Haarspangen und Kugelschreiber werden als Opfergaben zurückgelassen.

Wann geht der nächste Flug?

Die Ausreise von Tibet nach Nepal ist uns schwer gefallen. Die Grenze in Trongmu liegt schon nur noch auf 2400 Meter Höhe, rundherum üppige Vegetation, schon gar nicht mehr wirklich Tibet.

Drei Tage Nepal im Anschluss waren schön. Aber drei Tage länger in Tibet wären uns lieber gewesen. Dieses Land hätte noch so viel zu bieten ...

(Birgit Primig. Erstabdruck: ÖTH-Nachrichten November 2004)

Kein Apso in Lhasa

Spätestens am zweiten Tag unserer Reise durch Tibet war den anderen Teilnehmern unserer Gruppe klar: Wir beide sind zwar ganz nett, aber verrückt mit unserem offenkundigen Interesse an Hunden.  Aber ab dem 4. Tag wurden wir sofort aufmerksam gemacht, wenn nur irgendwo ein hundeähnliches Wesen gesichtet wurde. Und Hunde gibt es genug in Tibet.

In den Klöstern soll es vor einigen Jahren noch Apsos gegeben haben. Mittlerweile haben die Mönche in den Versammlungshallen der Ratten wegen Katzen am Schoß, aber keine Hunde. In den Klosterhöfen tummeln sich mittelgroße kurzhaarige Mischlinge, die ein wenig Do-Khyi-Blut in sich tragen dürften.

Schöne Shar Khyi und tolle Do Khyi

In der Anlage rund um den Kumbum in Gyantse lebt ein großes Rudel Hunde vom Typ Shar Khyi. Besonders zwei schwarzweiße Rüden sind durch den eleganten Körperbau und den harmonischen Bewegungsablauf aufgefallen. Alle Hunde in dieser Anlage waren den Menschen gegenüber distanziert, aber absolut nicht aggressiv. Sie werden von den Mönchen gefüttert und gehören zum Kloster, aber nicht zu einer bestimmten Person.

Den ersten echten Do Khyi haben wir bereits in Lhasa gesehen: aus unserem Hotelfenster haben wir im Nachbarhof einen beeindruckenden Rüden an einer Kette entdeckt. Am nächsten Tag ein schöner kräftiger Rüde an der Kette im Sommerpalast des Dalai Lama. Ein Rüde, der so begeistert war von unserem Trockenfutter, dass er seine Wachfunktion total vergessen hatte und das Futter begeistert von meiner Hand nahm.

Im Hochland sind wir dann immer wieder Do Khyis begegnet. Natürlich nicht so substanzvoll wie in Europa, sie kommen mit sehr wenig Futter aus, nicht gepflegt, aber sehr typisch im Ausdruck. Schöne kräftige Köpfe, sehr gute Bewegung, nicht zu starke Knochen und furchtloses, temperamentvolles und uns Fremden gegenüber ignorantes Verhalten.

Auffallend war für mich, dass die Rute dieser Hunde im Stand bei Aufmerksamkeit über den Rücken gerollt wird, aber in der Bewegung und Entspannung nur das letzte Drittel gerollt ist, ansonsten wird die Rute frei schwebend getragen. Viele dieser Hunde tragen ein Halsband mit Glocken und rot gefärbtem Yakhaar.

Sie werden ausschließlich als Wachhunde in den Dörfern und bei den Zelten gehalten. Die Schafe, Ziegen oder Yaks werden nicht von den Hunden getrieben oder bewacht.

Sehr typvoll: Tibet Spaniel

In der Stadt Lhasa trifft man auf viel Tibet Spaniel oder Hunde ähnlich den Spaniels und den Pekingesen. Sie werden an der Leine geführt, sitzen mit ihren Besitzern in den Geschäften oder Marktständen. Sie sind teilweise gut gepflegt, auch sehr gut ernährt, freundlich und aufmerksam und insgesamt von recht guter Qualität.

Aber dass ich versucht habe zu spielen, diese kleinen Hunde unbedingt streicheln und füttern musste und meine Tochter auch fotografierte: das hat viel Gelächter bei den Tibetern ausgelöst.

Tibet Terrier ist uns nur ein einziger begegnet, auch an der Kette im Sommerpalast. Leider konnte ich ihn nicht dazu bringen aufzustehen und daher ist meine Beschreibung eher dürftig: ein Kopf wie ein Tibet Terrier.

Das Gebell von Apsos haben wir immer wieder gehört, aber in Tibet nie einen gesehen. Sie werden in den Häusern und Innenhöfen gehalten, sind reine Haushunde und verlassen nie das Grundstück.

Erst in Nepal: Lhasa Apsos

Umso toller dann ein Zufallsfund in Kathmandu. In einem tibetischen Flüchtlingslager haben wir eine Teppichknüpferei besucht. Meine Bemerkung "darauf werden unsere Apsos toll aussehen" hat die Verkäuferin aufhorchen lassen. Sie habe selbst sechs Apsos zuhause. Wir durften die Hunde besuchen - und waren begeistert.

Alle sechs relativ groß, aber typvolle ausdrucksstarke Hunde. Alle weiß, temperamentvoll, freundlich. Mein Futter war auch hier heiß begehrt. Ein Rüde hat sofort begriffen, wo das Futter im Rucksack liegt und hat mit Selbstbedienung sicher mehr erhalten als der Rest der Hundefamilie. Auf meine Frage, wann es wieder Welpen geben wird, meinte die Besitzerin: wenn es den Lhasa-Damen recht ist. Den Zeitpunkt bestimmen die Hunde.

Meine Bemerkung, in Europa bevorzugen wir Hunde mit dunklen Augen und schwarzer Nase hat wieder dieses schöne herzliche Lachen der Tibeter ausgelöst. Gerade die hellen Augen bringen besonders viel Glück.

Unsere Reise nach Tibet hat uns nicht nur beeindruckt durch die Menschen, die Landschaft und die Kultur. Sie hat uns auch im Wissen bestärkt: Es gibt sie noch, die tollen Hunde Tibets in ihrem Ursprungsland.

(Uschi Eisner. Erstabdruck: ÖTH-Nachrichten, November 2004)

Im Land der Nomaden

Wie rasant sich Zentraltibet verändert, wie schnell sich China hier ausbreitet: Das mussten wir im Vergleich zu unserer letzten Reise feststellen. Umso faszinierender sind die Nomadengebiete im Osten des Landes, in denen Tibet noch sehr ursprünglich ist.

Was in Europa „Zivilisation“ genannt wird, gibt es in Osttibet nicht. Keine bequemen Hotels, sondern Erdhörnchen-Löcher unter dem Zelt. Fließendes Wasser: Bäche und Flüsse gibt es genug. Die tibetischen Fahrer unserer Jeeps fühlen sich im Gelände viel wohler als auf den wenigen asphaltierten Strecken. Wer auf Komfort verzichten kann, lernt ein großartiges Land kennen.

Die Landschaft selbst ist überwältigend und ändert sich immer wieder radikal. Enge und tiefe Schluchten, weite Hochalmen mit Edelweiß-Wiesen, schroffes Felsgebirge. Schauen allein ist hier schon Beschäftigung für Tage. Später in Zentraltibet auch noch Sanddünen. All das hat ein Ausmaß, neben dem Österreich wie Minimundus wirkt.

Die Vegetation in den Tälern um 3000 m Höhe ist üppig. Wassermelonen werden in den Dörfern am Straßenrand angeboten, die Gerste hängt zum Trocknen auf eigenen Gestellen oder einfach in den Bäumen. Wovon sich die Yaks, Ziegen und Schafe auf Höhe der Pässe ernähren – manchmal mehr als 5000 m -, bleibt uns ein Rätsel. Erdhörnchen und Murmeltiere gibt es unzählige, jede Wiese ist eine einzige Stolperfalle. Der Hirsch am Pass weicht uns nicht aus, er hat längst gelernt, dass ihm in einem buddhistischen Land von Menschen keine Gefahr droht.

Das Land ist kaum besiedelt. Und trotzdem: wir nehmen uns Zeit für ein Picknick, und aus dem endlosen Nichts tauchen plötzlich Menschen auf. Sie bringen Buttertee, Tsampa, getrocknetes Yakfleisch. Zeltaufbau in der Nähe eines Nomadenzeltes: etliche junge Burschen lassen es sich nicht nehmen, zu helfen. Am nächsten Morgen werden wir ins Zelt eingeladen. Zwischen gestapelten Yakfladen, dem Ofen, getrocknetem Yakkäse, dem Butterfass und der Tsampa-Mühle ist kaum Platz für so viele Menschen. Wir alle bekommen ein Glas Yoghurt, das hervorragend schmeckt.

Was sind schon Pläne ...

Auf unserem Plan stand ursprünglich der Besuch eines Reiterfestes. Aber Pläne einzuhalten ist schwierig. Irgendwann haben wir uns damit abgefunden, als Tagesziel nachträglich jenen Ort zu wählen, den wir am Abend erreichen. Zum Reiterfest kommen wir nur wenige Stunden zu spät. Reifenpannen, kaputte Benzinleitungen, ein gebrochener Stoßdämpfer, der Ausfall des Allradantriebs mitten auf einer sumpfigen Wiese und Pisten, die halb weggeschwemmt oder von Verkehrsunfällen blockiert sind: Das alles hält auf. Unsere Fahrer erweisen sich als Improvisationskünstler. Mit einer Rolle Draht, einem Schraubenzieher und einem Wagenheber ist jede Reparatur möglich. Wir werden selbst zum Straßenbautrupp und versuchen, eine Schlammwiese mit vielen Steinen befahrbar zu machen. Nach zwei Stunden kann die Reise weiter gehen.

Die Highlights der Reise werden vom Zufall bestimmt. Auffallend viele PilgerInnen am Weg zu einer kleinen Stadt: Wir natürlich hinterher. Es stellt sich heraus, dass in einem Kloster eine besonders wichtige Zeremonie gefeiert wird. Unzählige bunte Festzelte auf einer Wiese: ein Fest in Vorbereitung. Wir werden mit Buttertee und Keksen bewirtet. Etliche Plastikflaschen „Aodeli super“ werden serviert: der chinesische Nachbau von Red Bull. Das Wort „Aodeli“ heißt „Österreicher“. Erwachsene und Kinder haben den größten Spaß bei einer Schlacht mit unseren Luftballons im großen Festzelt. Die Kinder sind mit einfachen Klatschspielen ganz leicht zu unterhalten. Die Männer gehen ihre Pferde satteln und ihre Trachten auspacken, um uns ein paar Fotos zu ermöglichen.

Die Neugier ist gegenseitig. Unser selbst gekochter Gemüseeintopf und die Kärntner Hartwürste werden verkostet und als ungenießbar eingestuft. Unsere Digitalkameras sind für viele eine absolute Neuheit, kaum jemand hat zuvor ein Foto von sich selbst gesehen. Eine Einkaufsfahrt mit dem Motorrad in das nächste Dorf wird zum Erlebnis. Das gesamte Dorf begleitet mich, berät mich, bietet mir immer noch schöneres Gemüse an. Nie reagiert jemand unfreundlich oder gar aufdringlich, eher belustigt über die seltsamen Sitten von uns Langnasen.

China ist überall

Immer wieder holt uns China ein. Neue Straßendörfer, von den Chinesen in einem pseudo-tibetischen Stil erbaut, die Dächer in schrecklichen Knallfarben. In den größeren Städten werden die Straßen von grauenhaften kitschigen Lampen erleuchtet. Tibetische Kinder verwenden selbstverständlich chinesische Ausdrücke. „Nangma“ ist die Bezeichnung für eine Mischung aus Kulturverein und Diskothek. Traditionelle Tänze und Gesänge werden bis etwa 1 Uhr morgens aufgeführt, im Anschluss tanzt das Publikum. Was als tibetisch verkauft wird, ist längst eine undefinierbare Mischung aus tibetischen und chinesischen Elementen.

Besonders erschreckend ist die Veränderung in Lhasa und Umgebung und auf der Strecke von Lhasa nach Kathmandu. Lhasa selbst wächst in rasendem Tempo und wird zu einer völlig gesichtslosen chinesischen Millionenstadt. Der neue Zug von Peking spuckt täglich mehrere Tausend Chinesen in Lhasa aus. Der Tourismus in dieser Region explodiert, in China gilt es als schick, Tibet zu bereisen. Im Kloster Drepung wird das Gemurmel der tibetischen PilgerInnen längst von rempelnden ChinesInnen übertönt, die sich permanent gegenseitig fotografieren und dabei völlig respektlos mit der tibetischen Kultur umgehen. Die Pässe werden zum Jahrmarkt, ChinesInnen setzen sich gegen Geld auf Yaks, lassen sich gegen Geld neben Do Khyis fotografieren, kaufen um viel Geld pseudo-tibetischen Ramsch. Kinder betteln aufdringlich „money, money“, Händler – „cheap, cheap“ -  sind kaum abzuschütteln.

 

Wer Tibet noch als Tibet erleben will, muss sich beeilen, muss die klassischen Touristenrouten meiden. Noch ist es Tibet wert, erlebt zu werden.

(Birgit Primig)

Tibets blinde Schulkinder

Mitten in der tibetischen Altstadt von Lhasa steht seit 1998 eine Schule für blinde Kinder. Sie ist die erste und einzige in ganz Tibet, gegründet von einer deutschen Studentin. Ausbildung auf höchstem Niveau wird angeboten. Die Schule verändert damit das Ansehen und den Status von blinden Menschen im ganzen Land.

Die Rate an blinden Menschen ist in Tibet auffallend hoch. Zurück zu führen ist das auf eine Vielzahl von Faktoren: Wind und Staub im Hochland verbunden mit einer hohen UV-Strahlung, der Qualm verbrannten Yak-Dungs in Häusern und Nomadenzelten, Vitamin-A-Mangel und fehlende medizinische Grundversorgung weiter Teile der Bevölkerung.

Wer in Tibet erblindet, wird zwar von der Familie betreut, aber fast immer zu Bewegungslosigkeit verdammt. Im felsigen Hochgebirge oder auf den von Erdhörnchen durchlöcherten Almen ist jeder Schritt gefährlich. Der Blindenstock als Hilfsmittel ist in weiten Regionen unbekannt. Dazu kommt, dass Blindheit oft als Ergebnis von Ereignissen oder Handlungen in einem vorangegangenen Leben wahrgenommen wird und daher schlicht „Schicksal“ ist.

Die blinde deutsche Studentin

Für ihre Studien der Tibetologie benötigte Sabriye Tenberken eine Übersetzung tibetischer Schriften in Braille. In Europa und Amerika wurde sie nicht fündig und machte sich daher auf den Weg nach Tibet. Auch dort war Braille völlig unbekannt. Sie entwickelte kurzerhand selbst eine tibetische Braille-Schrift und gründete gemeinsam mit Paul Kronenberg die Schule mit Internat in Lhasa unter dem Projektnamen „Braille without Borders“. Die Anfangsschwierigkeiten waren enorm. Einerseits stand die chinesische Bürokratie im Weg, andererseits wurde der Bedarf zunächst von den Tibetern nicht erkannt. Die ersten Kinder stammten von Familien, die in weit abgelegenen Hochtälern lebten und froh über die Entlastung waren. Versprochen haben sie sich davon allerdings nichts.

Die ersten Versuche von Mobilitätstraining in Lhasa waren äußerst schwierig. Eine Gruppe von Kindern, die mit Stöcken durch die engen Gassen stolpert: Das müssen Verrückte sein. Mittlerweile haben sich die Bewohner der Stadt daran gewöhnt und klären PilgerInnen auf, die sich darüber wundern.

Heute hat die Schule einen hervorragenden Ruf in Tibet. 45 Kinder stehen derzeit in Ausbildung, die jüngsten erst zwei Jahre alt, die ältesten etwa 17. Es könnten doppelt und dreifach so viele Kinder aufgenommen werden, aber bereits jetzt müssen sich jeweils zwei Kinder ein Bett teilen. Geld für eine Erweiterung ist nicht vorhanden, die Spenden aus der ganzen Welt werden für den Ausbau der Infrastruktur und die Herstellung von Lehrmaterial benötigt.

Ausbildung auf höchstem Niveau

Jedes Kind, das diese Schule abschließt, beherrscht perfekt drei Sprachen: Tibetisch, Chinesisch und Englisch in Wort und Schrift. Der Umgang mit dem Computer gehört zur Standardausbildung. In den letzten Schuljahren können die Jugendlichen zwischen mehreren Berufsausbildungen wählen: tibetische und/oder chinesische Massage, Musik, landwirtschaftliche Berufe wie Käserei, Handarbeiten wie Teppichknüpferei oder Stickerei, bis hin zur Sekretariat oder Rezeption.

Die AbgängerInnen sind vor allem für den Tourismus sehr interessant. Es gibt kaum TibeterInnen, die so hervorragende Sprachkenntnisse aufweisen können und dann noch problemlos am Computer arbeiten. Viele Hotels fordern die MasseurInnen für ihre Gäste an.

Unterrichtet werden die Kinder von sechs eigenen Lehrkräften, davon sind drei selbst bereits AbgängerInnen der Schule. Seit einem Jahr läuft ein Integrationsprojekt. Einige Kinder besuchen bereits reguläre Volksschulen. Auch das ist anfangs auf enorme Skepsis gestoßen. Die Ausstattung der Kinder mit Laptops, ihre große Mobilität und die Lernassistenz haben aber dazu geführt, dass die Schulen stolz auf ihre blinden Kinder und deren enorme Leistungen sind.

Für die Kinder ändert sich auch das Leben im ursprünglichen Umfeld enorm. Sie sind plötzlich nicht mehr die bewegungslosen Idioten, sondern wertvolle Unterstützung für die Familien und Dörfer. Sie sind oft die einzigen, die chinesisch sprechen und damit mit den Behörden umgehen können. Sie sind in der Lage, mit Touristen zu plaudern. Sie haben nach der Schule wesentlich höhere Verdienstmöglichkeiten als Geschwister oder Nachbarkinder und bringen dringend benötigtes Geld nach Hause.

Hilfe ist erwünscht

Das Projekt wächst ständig. In Shigatse ist eine Trainingsfarm entstanden. Eine eigene Klinik für medizinische Massage wird mittlerweile ausschließlich von AbgängerInnen der Schule geleitet. In Kerala läuft das Genehmigungsverfahren für ein „Internationales Zentrum für Entwicklung und Projektplanung“.

„Braille without Borders“ finanziert sich in erster Linie aus Spendengeldern und aus den Einnahmen der Bücher über das Projekt von Sabriye Tenberken.
Helfen ist übrigens auch mit ein paar Euro Spende ganz einfach. 
Mehr Informationen: Braille without Borders

Die Medizinschule in Tibet

Die ehemalige Tibetische Medizinschule befand sich einst auf dem gegenüber vom Potala gelegenen Chagpori (Eisenberg). Heute sind nicht einmal mehr Mauerreste zu erkennen, es ragt eine 1983 errichtete große Antenne empor.

Die Medizinschule diente der theoretischen und praktischen Ausbildung der Ärzte in der Anwendung der drei Wurzeln der tibetischen Medizin. Die Gesundheit des Menschen hängt vom Gleichgewicht der drei Säfte ab: Galle, Schleim und Wind.

Krankheiten werden durch Untersuchung der Zunge und des Urins, Befragung des Patienten nach Symptomen und Fühlen des Pulses erkannt.

Die drei Säfte stehen auch für drei der fünf Elemente, aus denen alles im Kosmos besteht: Wind für Luft, Galle für Feuer und Schleim für Wasser.

So werden zum Beispiel bei Kältekrankheiten, verursacht durch ein Zuviel an Schleim und Wind, erhitzende Speisen vorgeschrieben, bei Hitzekrankheiten durch Gallestörung kühlende Speisen.

Das Fühlen verschiedener Pulsschläge, die den Zustand der fünf Elemente anzeigen, wird durch spezielle Fingerstellung am Unterarm des Patienten ermöglicht.

Behandelt wurde und wird nicht nur der Körper sondern vor allem auch der Geist des Patienten.  Nicht nur die Krankheit selbst soll kuriert werden, sondern die Ursache der Krankheit soll erkannt und bekämpft werden.

Häufig werden durch den Arzt (Amchi) Kräuter oder Mineralien verschrieben, es gibt etwa 1000 verschiedene Mixturen. Die Lebensweise und die Ernährung soll verändert werden, um den Patienten wieder gesund zu machen.

Die Grundlagen der tibetischen Medizin wurden von Yutok Gonpo (729-854) aus dem Sanskrit ins Tibetische übersetzt.  Im 17. Jahrhundert wurde die Schule am Chagpori gegründet und das beeindruckende, uralte  Wissen wird im Tibetischen Krankenhaus in Lhasa gelehrt und angewendet.

Wer mehr über das traditionelle Diagnose- und Heilverfahren wissen möchte, kann dieses Tibetische Krankenhaus in Lhasa aufsuchen. Besucher können dort zwei Räume mit Plastiken der großen Medizin-Lamas und Thangkas mit Illustrationen der tibetischen Medizin besichtigen.

Uschi Eisner

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