S(g)ackerl und seine Folgen

Wien wird rabiat. Schuld daran ist die Stadtregierung. Die letzten Sackerl für’s Gackerl – Kampagnen wurden von vielen WienerInnen als Freibrief verstanden, unmotiviert auf Hunde und ihre Menschen loszugehen.

Selbstverständlich. Alle Jackentaschen, Handtaschennebentaschen, so mancher Hosensack sind besackerlt. Jederzeit griffbereit. Selbst wenn Yuni und Platon zuhause bleiben. Werbeverteiler liefern fast zu wenig Nachschub für den großen Sackerltaschenauffülltopf gleich neben der Wohnungstür.

Der täglich erste Einsatz: die Morgenrunde. Sie ist vergleichsweise harmlos. Täglich gehen dieselben Menschen zur selben Uhrzeit dieselben Wege. Die junge Frau aus dem Nachbarhaus, deren Zwillinge auch schon zu Fuß zum Kindergarten stapfen. Die Installateursgattin, die sich aus dem Gasthaus gegenüber ihren Morgenkaffee holt. Der Faschingsgildenchef, der vermutlich auch im Winter Hawaiihemden trägt. Ich kenne sie alle. Sie kennen mich alle. Sie alle grüßen zwischen höflich und fröhlich, wenn ich auf den ersten (oder zweiten) Sackerleinsatz warte.

Je später der Tag, desto zufälliger. Und unangenehmer. Da war dieser Opa, der keuchend den dafür schon viel zu alten Enkel im Buggy bugsiert. Lässt Buggy samt Enkel stehen. Macht sich vor mir größer und breiter, als er in seinem langen Leben jemals war. Einmal tief Luft geholt und schon geht sie los, die Hundehassertirade, die Schimpfattacke auf Tretminen von Flohbrutstätten. Ich nehme mir ein Beispiel an Platon und Yuni: einfach ignorieren. Sein Enkel: sitzt im Buggy, nascht und verteilt genüsslich klebrige Zuckerlpapierl auf dem Gehsteig. Allein die Vorstellung, wie viele Bakterien der Knirps dabei verteilt … Igitt!

Manchmal wehren wir uns. Platon knurrt, Yuni schnüffelt intensiv an fremden Beinen. Manchmal genügt das schon, um wenigstens für räumliche und akustische Distanz zu sorgen. Nicht immer.

Platon hatte seine Sackerlbefüllung eben erst auf den Asphalt gesetzt, gemeinsam warteten wir nun auf Yunis Erledigung zwischen parkenden Autos. Ein Mann biegt ums Eck. Sieht uns. Beschleunigt seinen Schritt. Muss nicht einmal Luft holen. Hält einen Vortrag, wie viel Geld die Stadt in die Beseitigung von Hundehinterlassenschaften investiere, wo doch die Benützung eines Sackerls so einfach wäre. Ich höre. Unbewegt. Reiche ihm Platons Sackerl, er greift instinktiv zu. Befülle Yunis Sackerl. Er steht mit Platons Sackerl herum. Wir drei sind weiterspaziert.

Ich frage mich nicht, wie wir dazu kommen. Ich weiß es. Zum Beispiel die Dackelfamilie zwei Stockwerke tiefer. Die Kinder führen abwechselnd Hund vor die Tür. Sie haben eine interessante Methode, nicht zu bemerken, dass es etwas aufzuklauben gäbe: sie telefonieren. Ununterbrochen. Bis auf die paar Mal, bei denen ich unterbrochen und Handy gegen Sackerl getauscht habe. Mittlerweile hat auch diese Familie den Wert der Werbeverteiler zu schätzen gelernt und befüllt alle möglichen familiären Taschen mit Sackerl.

Wegen Hundemenschen wie dieser kommen wir manchmal in Sackerlnotstand. Ich unterstütze dann noch mit aufmunternden Worten. Sackerlbefüllung ist die tägliche Konsistenzkontrolle und daher auch eine Gesundheitsvorsorge. Ein paar Mal täglich bücken ist ein guter Ausgleich für Gehen und Sitzen. Trotzdem: manche Menschen freuen sich nicht drüber. Sie verweigern aus Prinzip die Befüllung der Sackerl. Sie sind nur leider für rabiate Wienerinnen und Wiener nicht von allen andern Hundemenschen zu unterscheiden.


(Birgit Primig, Jänner 2008)