Richter aus dem Blickwinkel der Schreibkraft

Tausende Berichte werden jährlich auf den internationalen Ausstellungen in Österreich diktiert. Die Anforderungen an die Schreibkräfte reichen von der weitgehend ignorierten Tippse bis hin zum stressresistenten Ringmanagement – je nach Richter oder Richterin. Erfahrungen aus 20 Jahren Arbeit im Ring.

Motto zum Tag: Augen zu und durch.

Die Zeit verrinnt, längst ist alles vorbereitet, es fehlt nur noch der Richter. Die Hunde der ersten Gruppe sind bereits im Ring. Aber es fehlt: der Richter. Das erste Formular ist eingespannt, die Karten und Bänder werden erneut sortiert, die Hunde stehen schon wieder nicht mehr in Position. Denn: es fehlt der Richter.

Zehn Minuten nach offiziellem Beginn: zielstrebig eilt der Richter quer durch den Ring, entledigt sich unterwegs seiner Mäntel, Schals und Taschen, kein Blick nach links oder rechts, kein freundliches Guten Morgen. „Sind wir so weit?“ sind die ersten Worte. „Wir schon“ – wird nur gedacht. Besitzer und Hunde werden durch den Ring gescheucht. Das Diktat wird in alle Richtungen gebellt, nur nicht Richtung Schreibkraft.

Die ersten Unterschriften sind fällig. Der Richter schiebt Papiere, Karten, Bänder herum, die wohlsortierte Ordnung am Tisch ist dahin. Einige Unterlagen werden an Besitzer weitergereicht. Andere nicht. Warum andere nicht, bleibt ein Rätsel, für dessen Lösung keine Zeit ist. Zwischenlösung: ein weiterer Stapel. Hochspannung: die Hunde werden gereiht. Kein Grund zum Jubeln für das Personal: die Reihung hat der Richter selbst in der Minute darauf vergessen.

Geschafft. Fast. Alle Hunde gerichtet, keine groben Schnitzer in den Unterlagen, der Richter hat sich längst verflüchtigt. Leider. Denn einige Unterschriften muss er noch leisten. Kein Problem: gewiefte Schreiber wissen, wo das Restaurant ist. Dort können sie auch die liegengebliebenen Mäntel, Schals und Taschen hinbringen...

Motto zum Tag: „nur ned hudeln“.

Es sind noch nicht einmal alle Aussteller da. Der Richter sitzt bereits im Ring. Der Verkehr war wieder eine Katastrophe, die Mutter ist krank, die Tochter auch, die Hündin hat Welpen, das Wetter ist schön, die Halle auch,... Schreibkraft stellt rechtzeitig um auf selektive Wahrnehmung. Startnummern müssen noch ausgegeben, Aussteller noch zur Kassa geschickt werden.

Im Ring herrscht beste Stimmung. Hunde und Besitzer fühlen sich wohl. Es wird gescherzt, geplaudert, über die Frage geblödelt, wie denn die Fettleibigkeit eines Hundes am höflichsten formuliert werden könnte. „Was soll ich jetzt wirklich schreiben?“ und „Machen wir weiter?“ werden die häufigsten Fragen der Schreibkraft. Die Zeit beginnt sich zu dehnen wie ein alter Kaugummi. Es kommt der Punkt, an dem auch der Richter merkt, dass er an diesem Tag in diesem Tempo nicht fertig werden wird.

Die Konzentrationsfähigkeit aller Beteiligten ist längst unter Null gesunken. Die Berichte werden kürzer, die Hunde immer ähnlicher. Die Fehlerquote steigt. Jetzt heißt es ruhig bleiben. Die drohende Nervosität des Richters abfangen, alles kein Problem, wir schaffen das.

Erledigt. Alle. Aber nicht alles. Die Papiere müssen noch sortiert, Ergebnisse in Kataloge eingetragen, Listen ausgefüllt werden. Der Richter sitzt glücklich und entspannt dabei. Die Hunde waren mal wieder schön, einige nicht, die Aussteller diszipliniert, das Wetter ist herrlich, die Mutter ist krank, die Tochter auch...

Motto zum Tag: Ohren spitzen und lernen!

Der Richter kommt und zwei Minuten später ist klar: dieser Tag wird spannend. Eine kurze Vorstellungsrunde, dann so etwas wie eine Teambesprechung. Der Richter erkundigt sich nach der Erfahrung des Personals, nach dem Wissen über die Rasse. Die Arbeitsabläufe werden durchgegangen, alle Unterlagen vorab unterschrieben.

Es läuft. Hoch konzentriert, ruhig, stressfrei. Nach dem dritten Hund passen das Tempo von Diktat und Schreibfähigkeit perfekt zusammen. Jeder Bericht wird ohne lange Unterbrechungen formuliert. Während der nächste Hund begutachtet wird, ist genügend Zeit, um alle Utensilien in Ordnung zu halten. Auch genügend Zeit, um zu beobachten, den jeweiligen Hund einzuprägen. Der nachfolgende Bericht ergibt Sinn, bezieht sich nicht auf irgendeinen anonymen Vierbeiner, den man noch nie gesehen hat.

Zwischendurch: Fragen erlaubt, sobald eine Klasse fertig ist. Fragen, die oft aber gar nicht notwendig sind, weil der Richter seine Entscheidungen ohnehin laut und für alle Zuseher hörbar begründet hat.

Schon fertig? 30, 50, 70 Hunde gerichtet? Erst jetzt wird spürbar, dass der Magen seit Stunden nichts mehr zu tun hatte. Erst jetzt fällt auf, dass sehr viel Zeit ohne Zigaretten vergangen ist. Der Richter bedankt sich beim gesamten Ringpersonal für die Unterstützung, verabschiedet sich von jedem einzelnen Mitarbeiter. Denn dieser Richter hat nicht vergessen, dass auch er seine ersten Erfahrungen im Ring als Schreibkraft gesammelt hat ...