Kleine Typologie der U-Bahn-Begegnungen

Platon begleitet mich täglich zur Arbeit. Zwischen Wohnung und Büro liegen etwa 25 Minuten U-Bahn. Damit verbunden: Jeden Tag über diesen „oh-Gott-wie-süssen-„ und „schau, er hat ein Zopferl-„ Hund entzückte Menschen. Mit Platon in der U-Bahn ist jede Chance vertan, in Ruhe in einem Buch zu schmökern. Ein Versuch der Typologie aller Störenfriede.

Typ 1: die Kontaktarmen

Sie sind in jedem Waggon zu finden und auch durch weit aufgeschlagene Zeitungen nicht abzuschrecken. Auf ausschweifende Schilderungen gemeinsamen Glücks und Leids mit dem längst verflossenen Schnuffi, Maxi oder Bello zu reagieren, ist nicht notwendig.

 

Typ 2: die Stänkerer

Sie treten täglich mehrmals in Hundehaufen, finden wegen Gekläffs der Nachbarköter keinen Schlaf und wurden bereits mehrmals gebissen. Hundehalter sind in ihren Augen asozial. Erfolgreichste Reaktion: Platon laut ermahnen, schön brav zu bleiben. Erweiterte Reaktion: „Entschuldigen Sie, ich habe den Beißkorb nicht gefunden.“

 

Typ 3: die Wissenden

Sie erkennen Platon sofort als Malteser, Shi Tsu, Pekinesen oder Puli. Sie Können Platon sofort die jeweils rassetypischen Wesenmerkmale zuordnen. Der Hinweis „Er ist ein Lhasa Apso“ beleidigt den Wissenden. Im schlimmsten Fall wird die jeweilige Rasse noch detaillierte beschrieben, verbunden mit dem Ratschlag, Platons Züchter wegen Betruges zu verklagen.

 

Typ 4: Kinder, die ahnungslosen

Sie lärmen quer durch den Waggon und verwechseln Platon mit einem Plüschtier. Deutliches Knurren hält sie selten auf. „Lass ihn in Ruhe und geh drei Schritte zurück“ wirkt ebenfalls nicht immer und wird von den zugehörigen Mamis, Papis, Omis und Opis als Einmischung in die Erziehung aufgefasst. Not-Reaktion: Kind festhalten (bevor sich Platon eines Tages doch noch als beißende Bestie outet). Die Mamis, Papis, Omis und Opis reißen dann das Kind an sich und stürmen protestierend zurück ans andere Waggon-Ende.

 

Typ 5: die Rassen-Hasser

Bei der Feststellung „Ist das ein süßer Mischling!“ ist höchste Vorsicht geboten. Die Aufklärung, Platon ist reinrassig, kann moralisch-ethische Vorträge mit mahnend-aggressivem Unterton auslösen. Selektive Eingriffe in die Natur würden verblödete und verkrüppelte tierähnliche Existenzen hervorbringen; Hundehalter hätten Hitlersche Neigungen zum Größenwahn; das Recht auf freie Sexualität sei auch Tieren zuzugestehen. Auch Feminismus zählt zum Rassen-Hasser-Repertoire, Stichwort Fleischbeschau bei Hundeausstellungen. Viele Reaktionen erprobt, einzige, leider auch nur mäßig erfolgreiche: „Könnten Sie mir Ihren Psychiater empfehlen?“

 

Typ 6: die Schüchternen

Sie sitzen gesenkten Blicks über einer möglichst großen Tasche auf ganz fest zusammen gepressten Knien. Damit befindet sich Platon direkt in ihrem Blickwinkel. Die Versuche der Kontaktaufnahme reichen von leisem Zischen bis zum Entfernen vermeintlicher Flecken auf den Schuhen mit quasi-versehentlicher Berührung des Platon-Fells. Bitte-nicht-Reaktion: Schmunzeln. Das könnte zu heftigem Erröten führen.

 

Typ 7: die Pärchen

Sie sind aus Wissendem und Unwissender zusammengesetzt. Er klärt sie in variabler Lautstärke über Hunde im allgemeinen und Hundehaltung, Hundezucht , Hundeanatomie und vieles mehr im Speziellen auf. Reaktion wäre Einmischung in die Intimsphäre und ist daher nicht erwünscht, wird aber manchmal durch allzu dummes Geschwafel herausgefordert.

 

Typ 8: die Ignoranten

Der Hund ist Luft, außer er liegt ganz oder teilweise im Weg. Es wird eine demonstrativ entspannte, wenn auch etwas eigenwillige Sitzposition eingenommen. Vernünftige Reaktion: Hund dezent zur Seite schieben (Platon würde sich in diesem Fall nicht freiwillig bewegen). Jede weitere Reaktion könnte eine Verwandlung in Typ 2 auslösen.

 

Typ 9: die Mitleidigen

Sie wissen ganz genau, was Platon dringend braucht. Der arme kleine Hund sieht ja aus den Augen nicht heraus, es muss ihm doch viel zu heiß / viel zu kalt sein, ständig läuft er Gefahr, niedergetrampelt zu werden. Sie wissen ganz genau, welche Kurzhaar-Frisur hübsch und viel angenehmer wäre. Sie kennen mindestens eine Hunde-Boutique, in der es entzückende und höchst praktische Tragetaschen gibt. Sie kennen alle Mittel, um kleine Hunde-Pfötchen vor Steinen und Straßensalz zu schützen. Einzig sinnvolle Reaktion: ergeben lächeln – und möglichst an etwas anderes denken.

 

Fazit:

Es gibt auch angenehme Begegnungen in der U-Bahn. Zum Beispiel das kleine Mädchen: „Schau Mami, ein Lapsa Aso!“ und ihre Mutter „Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber unser Nachbar hat auch so einen und sie liebt ihn.“ Oder der Fahrkartenkontrollor, der kein Strafgeld kassiert :“Er ist so brav, dass er mir gar nicht aufgefallen ist.“ Platon sind fast alle U-Bahn-Begegnungen herzlich gleichgültig. Er rollt sich unter meinem Sitz zusammen und überlässt mir alle Reaktionen.