Kleine Hunde – große Kläffer?

Ein verbreitetes Bild: kleiner dicker Hund, alte Frau, dazwischen gespannte Leine, beide keifen. Ein anderes Bild: großer knurrender Hund, sehr kurze Leine, ein Mann mit dicker Goldkette auf haariger Brust bellt Befehle. Bilder, die „wahr-genommen“ werden und Meinung machen.

Es gibt sie tatsächlich: die alten Menschen mit ihren alten Hunden. Der Anblick von Alter und der oft damit verbundenen Gebrechlichkeit lösen Urängste vor der eigenen Vergänglichkeit aus. Der kläffende Hund an der Leine schafft einen zweiten Sinneseindruck und zieht damit zusätzliche Blicke auf das Paar. Hören und sehen gleichzeitig: das macht das Bild noch einprägsamer. Daneben werden andere Eindrücke nur noch flüchtig bemerkt. Auf diese Weise werden aus starken subjektiven Eindrücken Vorurteile, die nicht unbedingt mit der objektiv messbaren Realität übereinstimmen.

Kleine Hunde sind ebenso wenig nervöse Dauerkläffer, wie große Hunde immer ruhig und gelassen sind. Ihr Temperament ist ihnen angeboren. Die Ausprägung des Verhaltens und damit ihre Lautstärke sind antrainiert. Der kleine Hund der alten Frau kläfft, weil er ihr Gesprächspartner ist. Vielleicht will sie jemanden hören, um die Stille der Einsamkeit zu füllen.

Kleine Hunde bellen andere Hunde, Kinder und Menschen an, weil sie Angst vor dem Unbekannten haben. Der Besitzer hebt ihn hoch, bringt ihn damit aus der vermeintlichen Gefahrenzone und stellt seine eigene Stärke zur Verfügung. Dem Hund wird kein vorsichtiger Kontakt mit dem Auslöser der Angst ermöglicht. Er wird daher weder Angst noch Gebell abbauen.

Der x-beliebige Hund kläfft, weil es der x-beliebige Besitzer beim Welpen ach so süß fand. Nie wurde der Welpe im Spiel unterbrochen, bloß weil er „ein wenig“ dabei bellt. Im Gegenteil: Er wird noch angefeuert. Und Hund lernt, dass Bellen erwünscht ist.

Der Hund kläfft unabhängig von seiner Größe, weil der Mensch mitkläfft: „Jetzt sei aber ruhig! Bist du jetzt still! Was hab ich gesagt!“ Mensch klatscht dabei womöglich noch und verursacht zusätzlichen Lärm. Und Hund fühlt sich bestätigt. Dem Hund die Hand auf die Schnauze legen, ein einziges Mal ruhig „Ruhe“ sagen, eventuell den Hundekopf wegdrehen und ablenken, die Ruhe belohnen: so einfach könnte es sein.

Wer mitzählt, hört so viele große wie kleine Hunde bellen. Der Goldketten-Mann stempelt trotzdem nicht alle großen Hunde zu Kampfmaschinen ab, selbst wenn der Hund noch so deutlich knurrt. Er steht nur für eine bestimmte gesellschaftliche Schicht, keinesfalls aber für alle Großhunde-Besitzer. Die alte Frau macht alle kleinen Hunde zu biestigen Kötern. Nur dieses Bild setzt sich durch.

Denn je kleiner der Hund, desto größer sein Nachteil: Seine Stimmlage – und die der aufgeregten Besitzerin - trifft mitten in einen weiteren vorurteilsbeladenen Wahrnehmungsbereich des Menschen. Hohe Stimmen gelten als ängstlich, inkompetent und nervös. Tiefe Stimmen „sind“ sexy und beruhigend. Meditationsmusik, Choräle, der Klang eines hubraumstarken Motorrades: wohltuende Bässe, Entspannung, das Gefühl der Freiheit. Daneben hohes Pausenläuten, Telefon- und Weckerklingeln, Autohupen, Sirenen: Mensch hört es sofort und assoziiert Alarm.

Kleine Hunde sind keine großen Kläffer. Wir Menschen machen sie dazu. Und wir sind darauf trainiert, sie so wahrzunehmen.