Fünf kleine Persönlichkeiten

Wenn Welpen ihre Augen öffnen und auf wackeligen Beinen beginnen ihre Umgebung zu erkunden, werden bereits ihre Grundcharaktere sichtbar. Wenn die ersten Zähne durchkommen, sausen schon ausgeprägte Persönlichkeiten herum. Ein Besuch beim letzten Wurf von Niederottnang.

Der erste Schritt ins Welpenzimmer ist schwierig. Fünf wedelnde Minis purzeln am Absperrgitter durcheinander. Jeder will der erste sein, der den fremden Gast begrüßt. Genau sieben Wochen sind sie alt: Aretha, Amarone, Apollonius, Anatol und Al Jarreau.

Irgendwann sitzt man dann doch mitten im Zimmer am Boden. Al Jarreau bekämpft knurrend eine Falte im Hosenbein, Amarone hat das Uhrband entdeckt, Aretha kaut genüsslich an einem Zeh. Anatol versucht, Amarones Wedelschwanz zu fangen. Und Apollonius hat sich schon auf den Schoß hochgearbeitet zum bestmöglichen Kuschelplatz.

Zwischendurch muss ein Plüschhuhn bekämpft, ein Minifußball verfolgt und der Schleudergang der Waschmaschine beobachtet werden. Immer wieder flitzt einer davon, um am Zeitungspapier im Eck eine Pfütze oder ein Hauferl abzusetzen. Knopf, die Hundemutter, taucht regelmäßig auf, putzt sich durch ihren Wurf.

Die Biss- und Kratzspuren an den Handgelenken werden mehr, eine Socke hat ein kleines Loch. Allmählich wird es ruhiger. Nach knapp einer Stunde schläft ein Hundeknäuel am Schoß, hin und wieder zuckt eine Pfote, zwei kleine Zähne werden sichtbar bei einem ganz tiefen Gähnen.

Eine einzige Spiel- und Kuschelstunde genügt völlig, um fünf ganz unterschiedliche Persönlichkeiten kennen zu lernen. Apollonius ist der vorsichtige Schmuser. Am wohlsten fühlt er sich, wenn er seinen Kopf in einer menschlichen Halsbeuge vergraben kann und dabei noch sanft gekrault wird. Auf Neues reagiert er zurückhaltend, wartet die Reaktion seiner Geschwister ab, bevor er selbst zur Erkundung schreitet. Sein Gegenstück ist Aretha, die kleinste im Wurf. Sie hat gelernt sich durchzuboxen, lässt sich von ihren Geschwistern nichts gefallen, knurrt, beißt und schüttelt. Sie ist die erste beim neuen Spielzeug und verbellt ohne zu zögern das neue Rückspulgeräusch der Kamera.

Al Jarreau hat schon jetzt einen sehr ausgeprägten Willen. Wenn er beschießt, einen Blusenknopf zu beknabbern, ist er davon kaum abzuhalten. Wegsetzen: er kommt sofort zurück. Immer wieder. Wenn ihm etwas nicht passt, beschwert er sich laut und ausdauernd. Seine Schwester Amarone hat eine ganz andere Strategie: das charmante Temperamentsbündel schaut einfach. Sie schaut aus ganz dunklen Augen ganz ernst und seelenvoll. Sie lutscht zärtlich eingekuschelt an einer Hand herum – und im nächsten Moment galoppiert sie davon, stürzt sich übermütig ins Spiel. Der ganze Hund wackelt mit dem Schwanz.

Fehlt noch Anatol, der unauffällig unkomplizierte. Er ist nie ganz vorne, nie ganz hinten, aber immer da. Er fordert nichts lautstark ein, beschwert sich nicht, ist leicht zufrieden zu stellen. Er hat keine besonders hervorstechende Eigenschaft, die ihn vom Welpenrudel abhebt.  Gerade das macht auch ihn zu einem ganz besonderen Hund.

In wenigen Wochen werden die fünf von ihren neuen Besitzern abgeholt. In welche Richtung sich die Charaktere verändern, welche Wesenzüge abgeschwächt oder verstärkt zum Ausdruck kommen werden: das hängt vom Einfluss ihrer neuen Menschen in den nächsten Monaten ab.

(Erstveröffentlichung: ÖTH-Nachrichten, Nov. 2004)